Presse-Artikel

Artikel aus: Sächsische Zeitung (Valeria Heintges) 04. März 2004

Staustand fürs Theater

Mehrere Tausend demonstrieren gegen den geplanten Kulturabbau in Dresden

Beginn 16 Uhr, Prager Straße. Manfred Wagner ist der Chef der Montagsdemo. Für die Kultur ist er jetzt auch an einem Mittwoch losgezogen, um seinen Willen kundzutun. „Bürger“, sagt er, „gemeinsam sind wir stark.“ Und: „Das ist die Losung: Wir sind das Volk.“ Solche Sätze kommen immer gut, und deswegen durfte Wagner gestern auch die Demo gegen Kulturabbau durch die Straßen des Zentrums in Dresden mit dem Megafon begleiten.

Rund 500 Demonstranten lauschen den Schauspielern des Theaters Junge Generation (TJG), die auf Kanalrohren „Freude schöner Götterfunken“ trommeln. Es regnet, es ist eisekalt. Aber Kultur lockt die Dresdner auf die Straße. „Bis vor eineinhalb Monaten waren wir noch für die Waldschlößchenbrücke“, sagt ein Ingenieur, dessen Herz ganz laut für die Kultur schlägt, „aber jetzt fragen wir uns doch, ob die Stadt nicht auf die Brücke und auf den Ausbau der Königsbrücker Straße verzichten sollte, um ihre Kultur zu erhalten.“ Da alles schon so lange geplant wurde, käme es auf ein paar Jahre mehr Stau doch auch nicht an.

16.15 Uhr. Die Demonstranten haben sich auf den Weg gemacht. Mit Plakaten von PDS, Grünen und Verdi marschieren sie los. Einer hat sogar die Regenbogenfahne von der letzten Anti-Krieg-im-Irak-Demo wieder ausgerollt. „Kultur statt Beton“ steht auf Transparenten, „Kultur = Herzschlag von Dresden“ und „Wir brauchen unsere Jugendclubs“. Die Mitarbeiter der betroffenen Theater sind natürlich besonders zahlreich. „54 Jahre TJG. War’s das?“ steht auf einem Schild. „Stop Staatsoperette Dresden“ wenig einfallsreich auf einem anderen. Auch die Gegner der Waldschlößchenbrücke haben ihre Banner entrollt, „da ist es doch, wo das Kulturgeld hingeht“, sagt ein junger Mann zur Begründung.

Die zweite Vereinigung auf dem Theaterplatz

16.30 Uhr. Ankunft am Kulturpalast, Musiker der Dresdner Philharmonie empfangen mit Blechbläsermusik.

16.50 Uhr. Mittlerweile folgen rund 1 000 Menschen den Plakaten. Am Staatsschauspiel kommt ein zweiter Zug von links dazu. Dessen Plakate sind anspruchsvoller: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Ein Clown mit roter Nase ruft in sein Mikro: „Ist das jetzt die Vereinigung der Theater?“. Und, in Anspielung auf das Fusionsmodell mit Staatsschauspiel, TJG und Staatsoperette, „wollt Ihr die Vereinigten Bühnen Dresden?“ Vereinzelte Ja-Rufe. „Seht ihr, da sind wir alle unentschieden.“

17 Uhr. Der Himmel über dem Theaterplatz ist aufgerissen. Die zweite Vereinigung findet statt, denn auch hier wartet schon eine Menge Demonstrierender. Jetzt sind es wohl mehrere Tausend, manche schätzen gar 5 000. Kabarettist Olaf Böhme spricht von einer „großen Bewegung“ und heißt besonders drei Musiker von den Münchner Symphonikern willkommen, die extra angereist sind, um die hiesigen Künstler zu unterstützen. Hartmut Haenchen rechnet noch einmal vor, wie viel Geld die Stadt mit den Musikfestspielen verdiene, die sie jetzt einsparen will. Ex-Wirtschaftsminister Kajo Schommer fordert die Stadt auf, endlich ein Kulturleitbild zu entwerfen und Prioritäten zu setzen. Außerdem verweist er darauf, dass die Verwaltung in Leipzig halb so teuer sei wie in Dresden. Viele Redner, darunter Kreuzkantor Kreile und Staatsschauspiel-Chef Freytag äußern ihren Unmut. Manfred Wagner ist still, er redet erst nächsten Montag wieder.

Artikel aus: Sächsische Zeitung (Valeria Heintges) 04. März 2004

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