Presse-Artikel

Artikel aus: Dresdner Neueste Nachrichten (Kerstin Leiße) 04. März 2004

Tausende demonstrierten in Dresden gegen den geplanten Kulturabbau

Damit Dresden nicht aus dem Vorwende-"Tal der Ahnungslosen zum Tal der Besinnungslosen" wird, wie es Thomas Schuch vom Kabarett "Breschke & Schuch" pointiert formulierte, hatten sich gestern geschätzte 6000 Dresdner auf den Weg in die Innenstadt gemacht, um gegen den von der Stadtverwaltung geplanten Kulturabbau zu demonstrieren. Was am Rundkino bei miesepetrig feuchtem Wetter begann, endete unter aufgeklartem Himmel mit einer "Kultur-Kunstgebung" auf dem Theaterplatz. Dass die in ihrer Existenz bedrohte Dresdner Kunst und Kultur auch solcherart himmlische Unterstützung bekommen würde, war kein Theatertrick.

Das Aktionsbündnis "Dresden wählt Kultur" hatte aufgerufen zum öffentlichen Bekenntnis zu dem, was Dresden in seiner Innen- und Außensicht, in seinem Lebensgefühl ausmacht. Mehr als 500 Künstler und deren Publikum fanden sich an dem Ort ein, wo am 19. November 1989 schon einmal der mündige Bürger gegen politische Missstände protestiert hatte. Wie von Künstlern zu erwarten, wählte man für diesen Protest die Waffe des geistvollen Wortes. Die Dresdner Malerin Angela Hampel stellte, ausgehend von der Situation der bildenden Künstler, den Zusammenhang zwischen den von Politikern so gern zitierten Leuchttürmen und der dafür unverzichtbaren breiten Basiskultur her. Wie wichtig eine substanzreiche kulturelle Infrastruktur für die Stadt ist, wurde auch von der Konzertmeisterin der Philharmonie, Heike Janicke, und Paula Schrötter, Schülerin am Bertolt-Brecht-Gymnasium betont. Beide waren sich darin einig, dass sonst viele junge Leute der Stadt den Rücken kehren würden.

Die Einheit zwischen Hoch- und Basiskultur beschwor auch Wilfried Krätzschmar, Komponist und Präsident des Sächsischen Musikrats: "Wir lassen uns nicht trennen!" "Kultur ist kein lästiger Kostgänger", kritisierte er die Schieflage politischer Diskussionen, "sondern das verlässlichste Kapital der Stadt und des Landes" und forderte zum Dialog zwischen Dresden und dem Freistaat auf. Man dürfe nicht den Rotstift dort ansetzen, wo Dresden seine Weltgeltung verlieren könnte, mahnte Kammersänger Peter Schreier. Mit sichtlicher Bewegung hatte auch Marek Janowski, bis Ende 2003 Chefdirigent der Dresdner Philharmonie, zur Umkehr aufgefordert. Es dürfe nicht sein, dass sich eine Stadt mit den bedeutendsten kulturellen Traditionen Europas an die Spitze einer unseligen Sparpolitik stelle. "Machen Sie weiter, damit die Politik wach wird", rief er den Tausenden zu.

Kreuzkantor Roderich Kreile, einer der Initiatoren des Aktionsbündnisses, und Reinhard Decker, Vorsitzender des Elbhangfest-Vereins, verwiesen auf die Bedeutung des "weichen Standortfaktors Kultur" und verlangten eine öffentliche Debatte, wohin Dresden eigentlich wolle. Und Schauspielintendant Holk Freytag sah sich mit seiner Mahnung, dass sich derjenige, der die Künste in Frage stelle, von der Vision einer besseren Welt verabschiedet, eins mit dem auf einem Plakat zu lesenden Spruch:"Jedes geschlossene Theater ist ein Schritt in die Barbarei".

Artikel aus: Dresdner Neueste Nachrichten (Kerstin Leiße) 04. März 2004

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