Presseartikel zur OB-Wahl 2001

Machtwechsel im Dresdner Rathaus

Triumph für den Wahlsieger Roßberg / Schock für Wagner / Pleite für Berghofer

Der Machtwechsel in Dresden ist perfekt: Der bunte Bündniskandidat Ingolf Roßberg (FDP) wird mit 47 Prozent neuer Oberbürgermeister. Der bisherige Wuppertaler Stadtplanungsdezernent setzte sich gestern auch im zweiten Wahlgang gegen Amtsinhaber Herbert Wagner (CDU) durch, der seit 1990 die Landeshauptstadt geführt hatte.

Der 40-jährige Herausforderer feierte am Abend unter stehenden Ovationen einen triumphalen Einzug ins Dresdner Rathaus. Roßberg betonte, er wolle nicht einer „Parteioligarchie“ dienen. An erster Stelle stehe Dresden. Der Liberale wurde von SPD, PDS, Bündnisgrünen und einer Bürgerinitiative unterstützt. Er kann nun ab 1. August sieben Jahre lang Dresden regieren, allerdings gegen eine CDU-Mehrheit im Stadtparlament. Der gebürtige Dresdner ist in der Verwaltung kein Unbekannter: Er war von 1990 und 1994 Dezernent für Stadtentwicklung, bis 2000 dann Bürgermeister in Radebeul.

Wagner erreichte nur 40 Prozent. Der sichtlich geschockte Wahlverlierer gestand bereits 45 Minuten nach Schließung der Wahllokale seine „bittere Niederlage“ ein – nicht ohne Schuldzuweisung: „Es war ein Wahlkampf eine Partei gegen alle.“ Er wünschte Roßberg „eine gute Hand für Dresden“ und gab sich optimistisch: „Jetzt sind wir unten, es geht auch wieder hoch.“

Eine peinliche Pleite erlebte der letzte Dresdner SED-Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer mit gerade 12,2 Prozent der Stimmen. Ein Jahr lang hatte er als „virtueller Kandidat“die Wähler genarrt, seine Bewerbung lange Zeit im Unklaren gelassen und sich erst nach dem ersten Wahldurchgang erklärt. Im Wahlkampf war der Parteilose jedoch so gut wie gar nicht aufgetreten: kaum Veranstaltungen, kaum Plakate – von Präsenz keine Spur.

Bereits vor zwei Wochen hatte Roßberg mit knapp über 47 Prozent die meisten Stimmen erhalten, Wagner dagegen musste sich mit dem zweiten Platz begnügen, kam auf nur 42,8 Prozent. Das Ergebnis fiel damit noch wesentlich deutlicher als vor zwei Wochen aus. Vor der Wahl war gemutmaßt worden, Berghofer sollte vor allem im Roßberg-Lager fischen, um Wagners Wahlsieg zu sichern. Diese Rechnung ging offenbar nicht auf. Die Wahlbeteiligung lag bei 48,7 Prozent.

Die Niederlage Wagners wird auch Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) angelastet. Bereits nach der Niederlage im ersten Wahlgang hatten führende Dresdner Christdemokraten Biedenkopfs Miet- und Putz-Affären sowie das Gerangel um dessen Nachfolgefrage als einen Grund für die Wahlschlappe gesehen. Biedenkopf hatte zudem im Wahlkampf Herausforderer Roßberg als „Schrott aus Wuppertal“ bezeichnet.

Leipziger Volkszeitung (Jürgen Kochinke und Sven Heitkamp) 25. Juni 2001

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