Presseartikel zur OB-Wahl 2001

„Es sind keine Versprechen einzulösen“

In seinem Wahlbüro in der Maxstraße herrschte schon Kehrausstimmung, als der zukünftige Oberbürgermeister Ingolf Roßberg gestern von Plänen für die nächsten Wochen sprach. Der Sieg des FDP-Manns beschäftigte währenddessen Bundes- und Landespolitiker. Sachsens Liberale reklamierten ihn als „fabelhafter Erfolg für die FDP“ für sich. Glückwünsche kamen unter anderem von PDS-Bundesvize Peter Porsch und Wuppertals OB Hans Kremendahl (SPD), seinem Noch-Chef. Grünen-Bundeschef Fritz Kuhn kommentierte den Wahlausgang als ein „Aufbruchssignal für die Stadt“.

Frage: Das von der CDU angekündigte Chaos im Falle Ihres Sieges ist ja schon eingetreten – Sonntag Nacht mussten zwei Polizisten für Ruhe bei Ihrer Wahlparty sorgen.

Ingolf Roßberg: Ja, das Chaos ist da, und das Abendland ist auch schon untergegangen.

Haben Sie überhaupt schon realisiert, was passiert ist, dass Sie gewonnen haben?

Nein. Auch nach dem ersten Wahlgang habe ich dazu 36 Stunden gebraucht. Ich bin immer noch nicht so richtig in der Wirklichkeit angekommen. Froh und dankbar bin ich aber darüber, dass Wolfgang Berghofer abgewatscht worden ist – anders kann man das bei seinen zwölf Prozent nicht bezeichnen.

Auf einem Ihrer Plakate haben Sie Wagner elf Jahre Stillstand vorgeworfen. Um das zu sagen, müssten Sie aber blind durch Dresden gelaufen sein. Dass sich viel bewegt hat, bestreiten auch Ihre Unterstützer nicht.

Besser wäre gewesen, von den vergangenen zwei Jahren seit der Kommunalwahl 1999 zu sprechen.

Aber auch in dieser Zeit ist viel passiert, hat VW zu bauen begonnen, ist die Biotechnologie nach Dresden gekommen.

Bei Großprojekten – aber für Mittelstand und Handel hat sich zu wenig bewegt. Außerdem wird im Wahlkampf mit dem Säbel gefochten, nicht mit dem Florett – man muss nur über der Gürtellinie bleiben.

Nach der Sommerpause wählt der Stadtrat die neuen Dezernenten. Wen wollen Sie denn da in Ihrer Mannschaft haben?

Ich selbst will mich zu den Bewerbungen öffentlich nicht äußern.

Sie könnten ja unabhängig davon auch Leute ansprechen und motivieren, herzukommen.

Das ist durchaus denkbar.

CDU-Fraktionschef Michael Grötsch hat Ihnen am Sonntagabend deutlich gratuliert. Werten Sie das als Offenheit zur Zusammenarbeit?

Ich habe immer gesagt, ich trete ohne, aber nicht gegen die CDU an. Zu Herrn Grötsch gibt es Anknüpfungspunkte aus dem Stadtrat bis 1999, wo wir nur ein paar Plätze auseinander saßen.

Was ist mit Jan Mücke, dem FDP/DSU-Fraktionschef, der Ihnen im Mai die moralische Eignung und persönliche Integrität als OB absprach?

Wir hatten schon das erste Treffen, manches ist ausgeräumt.

Zur PDS. Deren Fraktionschef Weckesser hat am Sonntagabend auf die Frage gesagt, wie viel Einfluss die PDS haben wird: Keinen. Wie werden Sie mit der Partei umgehen?

Es hat gegenüber den Parteien keine Versprechungen gegeben, und es sind deshalb auch keine Versprechungen einzulösen. An dem Themenkreis Waldschlößchenbrücke etwa wird sich nichts ändern, auch wenn die Grünen dabei eine ganz andere Meinung vertreten als ich.

Oberbürgermeister ist bis 31. Juli noch Herbert Wagner. Was machen Sie bis dahin, wie bereiten Sie sich auf die Amtsübergabe vor?

Mit Finanzbürgermeister Hanspeter Stihl und Umweltbürgermeister Klaus Gaber sind Gespräche vereinbart, und ich werde weitere führen. Mittwoch werde ich wieder meinen Dienst in Wuppertal antreten, denn auch dort muss es ja eine Amtsübergabe geben. Über die nächsten fünf Wochen werde ich also wieder einen Spagat machen und zwischen beiden Städten pendeln müssen.

Mal über den 1. August hinausgedacht: Was wollen Sie nach 100 Tagen erreicht haben?

Es stehen die Standortentscheidungen für die Philharmonie und die Staatsoperette an. Ich will einen Mittelstandsbeirat bilden und das Stadtmarketing verbessern – da habe ich schon mit Citymanager Raimund Wördemann gesprochen. Und mit DSC-Präsident Thomas Dathe habe ich vereinbart, ein konkretes Finanzierungskonzept für das Heinz-Steyer-Stadion durchzugehen.

Als OB werden Sie bei der Eröffnung der VW-Fabrik am Straßburger Platz ein paar Worte sprechen oder auch ein rotes Band durchschneiden müssen. Ein bisschen komisch, nachdem Sie früher so gegen diesen Standort gekämpft haben.

Das ist eine Entscheidung, die gefallen ist. Widme Dich nicht dem vergangenen, dem kommenden wende Dich zu – altes chinesisches Sprichwort. Inzwischen gibt es auch Kontakte mit dem Chef der Fabrik, Herrn Spieß.

Wann trifft denn der „Schrott aus Wuppertal“ auf den Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf, den Urheber dieser viel zitierten Worte?

Es steht noch eine Entschuldigung von ihm aus. Es bleibt dabei: Das darf nicht stehen bleiben.

Wie stellen Sie sich denn das Verhältnis zwischen der Stadt Dresden und der Landesregierung vor?

Die Stadt wird wieder selbstbewusster nach außen auftreten. Ich wünsche mir eine eigenständige Arbeit der Stadt und eine funktionierende Zusammenarbeit mit der Staatsregierung.

Ist der 24. Juni der Todestag der „Bürgerinitiative OB für Dresden“, für die Sie angetreten sind?

Da müssen Sie die Bürgerinitiative fragen. Es gibt Überlegungen, sie als Plattform weiter zu führen, und ich selbst würde mir das wünschen.

Dresdner Neueste Nachrichten (Interview: Stefan Alberti) 26. Juni 2001

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