Presseartikel zur OB-Wahl 2001

Wagner heißt jetzt Roßberg

Ein Viertel der Dresdner wollte unbedingt einen neuen Namen für ihren Oberbürgermeister

Schüsse peitschen durch die Luft. Seit Sonntag abend marodieren im Dresdener Stadtteil Äußere Neustadt halbasiatisch-bolschewistische Truppen. Besitzer von Eigentumswohnungen werden standrechtlich erschossen. Mercesdesfahrern wird noch der Seitenscheitel nachgezogen bevor man ihnen die Hände abhackt. Der Einzelhandel wurde bereits in den ersten Stunden zwangskollektiviert. Und überall trifft man auf Flintenweiber mit starker Zahnbehaarung. So oder so ähnlich würde es kommen, erklärte am Freitag auf der Abschlußveranstaltung seines Wahlkampfes der Dresdner Oberbürgermeister Herbert Wagner (CDU). In strömendem Regen hatte sich bereits der Quoten-Spaßvogel von n-tv, Heini Eggert, zum Heinz gemacht, als er mit Wagners Gegenkandidaten Ingolf Roßberg und dessen Unterstützern den Untergang des Abendlandes kommen sah. Würde Roßberg Stadtoberhaupt, dann gäbe es nicht nur eine Mischung aus „Stagnation und Chaos“, so Wagner, nein, in Berlin hieße dann bald der „Regierende Bürgermeister Gysi“, ja es gäbe eine „neue Republik“. Ein sicheres Anzeichen dafür sei die Unterstützung durch den PDS-Abgeordneten Gustav-Adolf Schur, mit dem Roßberg Tandem gefahren war. Und der Postkommunist saß vorn!

Der von Wagner als „Teufel im Schafspelz“ bezeichnete Allianz-Kandidat – von PDS bis ÖDP unterstützt – gewann am Sonntag dann aber doch. Seine Grundsätze seien das „christliche Ethos, die zehn Gebote“, erklärte Roßberg nach der Verkündigung des Wahlergebnisses im Rathaus am Wahltag. Wie seine Politik aussehen wird, ist weitgehend offen. Immerhin bekam er dafür Unterstützung von Bundesprominenz, etwa dem ehemaligen BND-Chef Klaus Kinkel, SPD-General Franz Müntefering und PDS-MdB Gregor Gysi. Wenn er Anfang August die Amtsgeschäfte übernimmt, wird er die Findungskommission zur Dezernentenbestimmung reaktivieren. Das Gerangel um die Posten hat schon begonnen. Mit Interesse wird zu beobachten sein, wie Roßberg die ihn unterstützenden Parteien und deren Anliegen in praktische Politik umsetzen will. Die Interessenlage reicht schließlich vom Öko-Bündnis 90 bis zu den Rechtspopulisten von der FDP. Auch dazu waren während der Wahlparty schon erste böse Worte zu hören.

Dazu kommt, daß nicht einmal die Hälfte der Wahlbeteiligten am Wochenende Abstimmung ging. So erzielte Roßberg netto gerechnet nur 23 Prozent, was im deutlichen Kontrast steht zur ständig wiederholten Behauptung, es gäbe in der Stadt eine Wechselstimmung. Auch der materielle Einsatz der Unterstützer-Allianz scheint kaum Wirkung gezeigt zu haben. Neben den Ergebnissen für Wagner mit knapp 40 und Roßberg mit 47 Prozent, war das Abschneiden des überraschend angetretenen Wirtschaftsliberalen Wolfgang Berghofer von Interesse. Der hatte im Vorfeld verkündet, daß jedes Ergebnis unterhalb des Titelgewinns sowie eine Wahlbeteiligung von weniger als 65 Prozent für ihn eine Niederlage seien. Er erhielt zwölf Prozent. Besonders schlecht schnitt Berghofer im Yuppie-Bezirk Äußere Neustadt mit 7,46 Proztent ab, wo Roßberg sein bestes Ergebnis mit 72,94 Prozent einfuhr.

Junge Welt (Jens-Uwe Richter und Gunnar Schubert) 26. Juni 2001

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