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Presseartikel zur OB-Wahl 2001
Fünf Lehren der Bürgermeister-Wahl
SPD-Fraktionschef Jurk: Union hat Personalprobleme / CDU-Vize Eggert
empfiehlt vor Wahlen Stimmungstests
Beredtes Schweigen bei der CDU, Zufriedenheit bei allen anderen Parteien
über den Ausgang der Kommunalwahl. Das ist die Lage in Sachsen am Tag
danach. Fünf Lehren lassen sich aus dem Ergebnis ziehen:
1. Parteibindung immer unwichtiger
Einzelbewerber (84) und Wählervereinigungen (100) stellen zusammen
mehr Posten als die Christdemokraten. Bei den Bürgermeistern
zählt zuerst die Persönlichkeit dann die
Parteizugehörigkeit. Tritt ein engagierter Bürger gegen einen
Parteisoldaten an, der das Amt mehr verwaltet als gestaltet, so war er
häufig erfolgreich. Das Etikett parteienübergreifend
genügte. Beispiele: Dresden, Radebeul, Zittau, Löbau. Nun
müssen die Bürger-Bürgermeister zeigen, dass sie
mit den Mehrheiten im Stadtrat regieren können.
2. CDU verliert die Städte
Die Christdemokraten stellen zwar mit 166 Bürgermeistern die mit
Abstand meisten Posten aller Parteien nach dem zweiten Wahlgang. Doch mit
dem schmerzhaften Verlust der Landeshauptstadt setzt sich für die CDU
ein Trend fort. 1990 stellte sie noch in sechs kreisfreien Städten den
Oberbürgermeister, jetzt bleibt nur noch Zwickau. Und dort konnte
Dietmar Vettermann auch nur gewinnen, weil die anderen Parteien sich nicht
auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen konnten. Zu Recht analysierte
PDS-Chef Peter Porsch: Bündnisse gegen die CDU waren durchaus
erfolgreich. Besonders beeindruckt wird er vom einzigen Kommentar von
CDU-Chefin Angela Merkel sein: Das sind schlimme Bündnisse, die
ich in Berlin nicht haben möchte. In den Großstädten
hat die CDU keine strukturelle Mehrheit mehr. In Chemnitz kam der CDU-Mann
auf neun Prozent. Wirklich interessiert hat die Kandidatenaufstellung die
CDU-Führung nicht. Konzepte, wie die Großstädte
zurückgewonnen werden, gibt es nicht. Auch die Phalanx der schwarzen
Landräte steht nicht mehr. Vier von 22 Landkreisen werden nicht mehr
von der CDU regiert. Nutznießer sind Wählervereinigungen und die
SPD. Deren Strategie geht auf: sie nominiert parteilose Kompetenz und
reklamiert den Sieg für sich. Besonders schmerzhaft für den neuen
CDU-Hoffnungsträger Steffen Flath: der Verlust in seinem Heimatkreis
Annaberg-Buchholz. Sogar im Erzgebirge reicht es nicht mehr, einfach nur
einen schwarzen Besenstiel aufzustellen.
3. Biedenkopf zieht nicht mehr
Offene Kritik an Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) war gestern
nicht zu hören. Zu sehr stand die Partei unter Schock. Vielleicht hat
die Wahlkampfunterstützung eines affärengebeutelten
Ministerpräsidenten keinem Kandidaten ernsthaft geschadet. Mit
Sicherheit aber hat sie auch keinem genutzt. Das Handauflegen des
Übervaters, der schon bald aufhört, überzeugt keinen
Bürger. Der bisherige Dresdner OB Herbert Wagner hat dies
gespürt. Auch die Riege der jüngeren Minister fand keinen
Zuspruch. In Meißen machten sie geschlossen für den CDU-Mann
Stimmung. Doch die Bürger wählten erneut den alten
Bürgermeister. SPD-Fraktionschef Thomas Jurk: Offenbar hat die
CDU ein Personalproblem.
4. Amtsbonus zählt nicht
Die Liste abgewählter Bürgermeister ist lang: Herbert Wagner,
Dresden (CDU), Volkmar Kunze, Radebeul (FDP) und Jürgen Kloß,
Zittau (CDU) können davon ein Lied singen. In Ostdeutschland gibt es
bei den Bürgern kein verinnerlichtes Parteienspektrum.
Wechselwähler reagieren hier oft anders als im Westen. CDU-Vize Heinz
Eggert: Ich rate jeder Partei, bevor sie einen Kandidaten aufstellt,
sorgfältig die Stimmung in der Bevölkerung zu testen. Das gilt
auch bei Amtsinhabern. Die Wähler würden sich nicht mehr an
Vorentscheidungen kleiner Parteigremien halten.
5. Aufschwung von SPD und FDP
Landespolitische Hoffnung schöpfen SPD und FDP. Der Wahlsieg von
Petra Köpping, die im Landkreis Leipziger Land 72,7 Prozent erreichte,
war Balsam für die 10,7 Prozent-Partei. Insgesamt stellen die Genossen
jetzt immerhin 20 Bürgermeister. Einen mehr hat die FDP, die im
Landtag nicht vertreten ist. Doch der Roßberg-Erfolg muss ihr Mut
machen. Im Gegensatz zu den Grünen erwachen sie langsam aus ihrer
Lethargie.
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