|
Presseartikel zur OB-Wahl 2001
Der Nobody ist perfekt
Der neue OB Roßberg muss nun seine Versprechen
einlösen
Die stärkste Partei ist nicht der Sieger. Zwar gewann die Sachsen-CDU
im Mai und Juni 171 Bürgermeisterwahlen und bei Landratswahlen in 14
von 18 Kreisen. Eine Niederlage aber musste die Partei am Sonntag in
Dresden einstecken. Hier siegte der von einem Parteienbündnis
unterstützte Ingolf Roßberg (FDP). Nach dem vorläufigen
Endergebnis kam Roßberg auf 47,02 Prozent der Stimmen, der bisherige
CDU-Amtsinhaber Herbert Wagner auf 39,99 Prozent. Der letzte Dresdner
SED-Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer (parteilos) erhielt 12,2
Prozent.
Der Verdruss der Dresdner muss groß gewesen sein. Nicht nur, dass
sie ihrem Oberbürgermeister Wagner nach elf Jahren Amtszeit kurzerhand
den Stuhl vor die Rathaustür stellten. Die Dresdner entschieden sich
mit dem 41-jährigen Roßberg für einen politischen Nobody.
Noch vor Wochen schien kaum jemand ernsthaft an seinen Wahlerfolg zu
glauben. Den fulminanten Sieg verdankt Roßberg eigentlich der
Schwäche der Dresdner Parteien abseits der CDU. Deren
Oberbürgermeister Wagner war 1990 vor allem deshalb ins Amt gekommen,
weil er 1989, in der Zeit des Umbruchs in der DDR, an der Spitze der
Bürgerbewegung in Dresden stand. Doch Wagner galt als schwacher
Oberbürgermeister, der sich zwischen Verwaltung und Stadtrat zerrieb.
Gleichwohl vermochte es die Opposition nicht, der CDU die vermeintlich
leichte Beute Dresden zu entreißen. Deshalb hatten sich die Dresdner
Parteien schon im vergangenen Jahr darauf verständigt, diesmal mit
einem gemeinsamen Kandidaten Wagner das Feld streitig machen zu wollen.
Eine Bürgerinitiative nahm die Sache in die Hand und verständigte
sich auf Roßberg. Der sagte zu und überfuhr damit die
eigene Partei, denn die FDP ist im Rathaus mit der CDU-Mehrheit in einer
Koalition verbunden. Nach und nach gelang es aber, sämtliche Parteien
hinter Roßberg zu sammeln. Am Schluss schlug sich auch die PDS auf
seine Seite, die lange auf Wolfgang Berghofer gesetzt hatte. Wagner blieb
auf sich allein gestellt.
Im Wahlkampf fiel Roßberg vor allem durch sein jugendlich forsches
Auftreten auf, mit dem er sich vom eher bedächtig agierenden
Amtsinhaber absetzte. Versprechungen jedweder Art gingen ihm locker
über die Lippen. Den Stadthaushalt will er konsolidieren
vollmundig kündigt er einen Kassensturz an und gleichzeitig
Schulen sanieren, neue Kindertagesstätten eröffen, eine neue
Philharmonie bauen und den Sport fördern. Nun wird er das
Kunststück fertig bringen müssen, eingeklemmt zwischen der
Opposition, die ihm zum Wahlsieg verholfen hat, und der bürgerlichen
Mehrheit seine Politik durchzusetzen.
Nächster
Artikel: Nach OB-Wechsel: Wahl der Dezernenten offenbar später
Vorheriger
Artikel: Der Schock von Dresden
Übersicht: Alle Artikel
|