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Presseartikel zur OB-Wahl 2001
In der Politik darf man nicht mit Dankbarkeit
rechnen
Noch-OB Herbert Wagner schließt bei Jobsuche Ortswechsel nicht
aus
Wenn er seine Amtskette am Mittwochmorgen um 8.30 Uhr an Ingolf
Roßberg übergibt, gehen für Herbert Wagner elf Jahre als
Oberbürgermeister zu Ende. Beim Gespräch mit den DNN-Redakteuren
Karla Tolksdorf, Annette Binninger und Stefan Alberti hatten zwei Wochen
Ostseeurlaub in Graal-Müritz bereits die tiefen Schatten gemildert,
die nach der Wahlniederlage am 24. Juni unter seinen Augen lagen. Offen
hielt der 52-Jährige, was er als OB a.D. machen wird und wo:
Schön wäre es, in Dresden bleiben zu können, aber es
muss nicht sein.
Frage: In ein paar Tagen müssen Sie raus aus dem Rathaus. Was
bleibt zu tun?
Herbert Wagner: Die Übergabe könnte schon heute stattfinden. Es
ist alles aufgeräumt, ich bin bereit.
Wie schwer, wie leicht fällt Ihnen der Abschied?
Ich hatte die Aufholjagd gegenüber Westdeutschland noch etwas
länger gesehen als bis zum Jahre 2001. Dazu habe ich versucht, meine
persönliche Lebensplanung der nächsten sieben Jahre mit dem
inneren Rhythmus der Stadt zu synchronisieren, deren innere Uhr auf die
800-Jahr-Feier 2006 ausgerichtet ist. Ich hätte der Stadt gerne eine
weitere Wahlperiode gedient, und musste kapieren, dass es so nicht sein
soll. Das ist natürlich jetzt ein schmerzhafter Ablösungsprozess,
mich von diesen Vorstellungen zu trennen. Doch es waren elf
glückliche, spannende, erfolgreiche Jahre. Dieses Gefühl
überwiegt.
Sie machen überhaupt einen relativ entspannten Eindruck gar
nicht, als ob sie nur ganz schwer loslassen könnten.
Wenn ich mein Leben vergleiche mit dem meines Vaters, der voriges Jahr
gestorben ist, dann leben wir in einer sehr glücklichen Generation. Er
hat zwei Weltkriege erlebt, Nationalsozialismus, Vertreibung, Neuanfang.
Ich hänge noch an meiner Arbeit, natürlich, aber dieser Vergleich
hilft zu sehen, dass meine Lage nicht die schlimmste Katastrophe ist. Ich
bin dankbar, dass ich der Stadt elf Jahre dienen durfte.
Sie sprechen von erfolgreicher Aufbauarbeit der vergangenen elf Jahre.
Empfinden Sie Bitterkeit, dass Ihnen die Wähler das nicht mit einer
Wiederwahl gedankt haben?
In der Politik darf man nicht mit Dankbarkeit rechnen. Man wird nicht
gewählt für erfolgreiche Leistungen
Nein?
Nein, das wird als selbstverständlich angenommen.
Die Zusammenarbeit mit dem Freistaat war
hervorragend! Der Freistaat hat Dresden hervorragend
unterstützt obwohl es ja schon immer beliebtes Spiel gewesen
ist, einen Keil zwischen uns zu schieben.
Haben Sie das Gefühl, sich in den vergangenen elf Jahren
verändert zu haben?
Ich glaube, dass ich meine grundlegenden Eigenschaften schon damals hatte.
Vorsichtig war ich vorher auch schon ich habe mehr das Denken eines
vorsichtigen Kaufmanns als das eines Mannes, der das Geld in rauschenden
Festen ausgibt und hinterher knüppelt, dass es wieder reinkommt.
Wo sehen Sie Ihre größten Fehler in Ihrer Amtszeit? Probleme
sind ja unübersehbar, Bauruhe bei der
Waldschlößchenbrücke, nur langsam Bewegung am Wiener Platz,
gar nichts am Postplatz, Ferdinandplatz oder Georgplatz.
Es hat sich sehr viel bewegt, es ist nur noch nicht alles geworden. Die
Wünsche sind schneller gewachsen als die Ergebnisse. Und das Fehlende
wurde benützt, um eine andere Person zu wählen als mich. Vieles
ist super gelaufen in der Stadt, doch das wird als selbstverständlich
abgehakt. Dabei hing vieles, jede der größeren Ansiedlungen, am
seidenen Faden.
Das klingt so, als ob sie keine Fehler in der Sachpolitik sehen. Dann
müssten die Gründe für die Wahlniederlage in Ihrer Person
liegen.
Ich bin natürlich nicht der Mann, der erst die Showveranstaltung
macht, bevor gearbeitet wird. Das mag heute vielleicht nicht mehr
gewünscht sein. Der Sättigungsgrad ist so groß, dass
Marketing, sehr viel Klappern gebraucht wird, um noch Aufmerksamkeit zu
erringen. Dafür bin ich dann vielleicht auch nicht mehr der richtige
Mann. Um es anders zu machen, hätte ich mich verleugnen müssen.
Es ist mir aber wichtiger, mit mir im Reinen zu sein.
Ihnen ist oft vorgehalten worden, sie würden nicht oder nicht oft
genug auf den Tisch hauen.
Meine Methode war: erste Warnung, zweite Warnung, dann muss der Schlag
sitzen. Was nützt es, einen Dezernenten abzumahnen, wenn der Stadtrat
ihm in seiner nächsten Sitzung ein Lob ausspricht. Man kann eine Stadt
eben nicht so führen wie einen Konzern
also keine Dresden AG?
nein, und der Stadtrat ist auch etwas anderes als ein
Aufsichtsrat. Das Instrumentarium des lauten Brüllens habe auch ich
unter vier Augen angewandt.
Gab es Momente, in denen Sie lieber nicht Oberbürgermeister
gewesen wären?
Diese Frage stelle ich mir nicht. Wenn ich bei einer Sache zusage, dann
laufe und renne ich, und denke nicht, wie schön es wäre, mich am
Wegesrand hinzulegen.
Wie geht es denn ab Mittwoch mit Ihnen weiter?
Das ist noch offen. Es ist vielleicht gar nicht schlecht, dass ich nicht
gleich am 1. August etwas Neues anfange. Ich sollte mir Zeit lassen zu
überlegen, mindestens zwei Monate, auch um mich auf eine neue
Tätigkeit vorzubereiten. Im Herbst aber muss das entschieden sein.
Sie bekommen nach elf Dienstjahren vom Staat eine Grundversorgung von
4.800 Mark brutto und könnten es ja auch etwas länger ruhig
angehen lassen.
Ich möchte die nächsten zwölf Jahre nicht im Liegestuhl
sitzen, ich möchte eine Aufgabe und meine Familie selbst
ernähren. Ein Pfund ist, dass ich eine Vielzahl von Kontakten habe.
Was soll es denn sein: Politik, Wirtschaft oder ein Verband?
Da bin ich nicht gelegt. Verglichen mit der jetzigen Situation war ich mir
1990 unsicherer, ob ich es als Oberbürgermeister schaffen
würde.
Würden Sie auch außerhalb von Dresden arbeiten?
Das weiß ich jetzt noch nicht, ich bin in jede Richtung offen.
Schön wäre es, in Dresden bleiben zu können, aber es muss
nicht sein.
Könnte es auch eine andere Rolle in der CDU sein?
Ich schließe dort nichts aus. Natürlich schaue ich auch in den
Anzeigenteil der großen Zeitungen, das verheimliche ich gar nicht.
Ich führe Gespräche und halte die Augen und Ohren offen.
Wie wollen Sie das Verhältnis zu ihrem Nachfolger
gestalten?
Wenn er von mir einen Rat hören will, dann stehe ich dafür zur
Verfügung. Ich werde mich aber nicht aufdrängen oder aus der
Ferne öffentlich gute Ratschläge geben.
Sie kommen aus Mecklenburg und leben seit 1969 in dieser Stadt, in der
viele nur hier Geborene als Dresdner gelten lassen. Was macht einen Ihrer
Meinung nach zum Dresdner?
Wenn man einen Tropfen Schweiß und Herzblut für diese Stadt
vergossen hat, ist man Dresdner nicht durch die Gnade der Geburt.
| Dresdner Neueste Nachrichten (Karla
Tolksdorf, Annette Binninger, Stefan Alberti)
27. Juli 2001
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