Presseartikel zur OB-Wahl 2001

Für OB Wagner ist ein Lebensabschnitt zu Ende

Größter Erfolg seiner Amtszeit ist der Aufbau Dresdens als Elektronikstandort

Herbert Wagner (CDU) ist heute den letzten Tag Oberbürgermeister von Dresden. Seine persönlichen Sachen hat er schon aus dem Schreibtisch geräumt, elf Jahre war er hier der Chef. Diese Zeit kann man schon eine Ära nennen, auch wenn sie nicht von Wagner allein geprägt wurde. „Ich hätte die Geschicke Dresdens gerne weiter mitgestaltet“, sagt er, „aber es sollte eben nicht sein.“ Am 24. Juni verlor er die Wahl gegen seinen Herausforderer Ingolf Roßberg (FDP).

Wagner war 1990 der erste demokratisch gewählte Oberbürgermeister Dresdens seit 1933. Er wurde am 23. Mai 1990 von der Stadtverordnetenversammlung mit 88 gegen 30 Stimmen bei fünf Enthaltungen zum Oberbürgermeister gewählt. Er ist Elektronikingenieur, kam nicht aus der politischen Klasse der DDR und hatte sich in keiner Partei betätigt. Statt zur Jugendweihe ging Wagner, gläubiger Katholik, zur Kommunion und später zur Firmung. Eine Karriere in der DDR war damit nicht mehr drin.

Erst im Februar 1990 trat er in die CDU ein, war vorher Sprecher der Gruppe der 20. Die hatte in den Revolutionstagen 1989 und auch danach als Speerspitze der Dresdner Bürgerbewegung mit dem letzten SED-Oberbürgermeister der Stadt, Wolfgang Berghofer, verhandelt. Am 28. Mai zieht Wagner mit vier Mitarbeitern aus der Gruppe der 20 ins Rathaus. „Ich fühlte mich in dem ehemaligen SED-Rathaus wie ein Korken auf dem Wasserfass“, schrieb er später in seinem Buch „20 gegen die SED“.

Seit damals sei eine deutliche Verschiebung der politischen Macht nach links erkennbar, sagt Wagner heute. „Damals wurde ich von einem breiten Parteienspektrum getragen, unter Ausschluss der PDS. Heute wird mein Nachfolger Ingolf Roßberg auch von einem breiten Spektrum unterstützt, nur, dass darin die PDS die stärkste Kraft und die Union isoliert ist.“ 1990 habe die PDS noch keinen Kandidaten gehabt, „sie war bei den Menschen noch als SED ein Begriff.“

1995 lässt er Baukräne zählen

Wagner war wie die meisten seiner Dezernenten 1990 noch Amateur in der Kommunalpolitik. Dennoch konnte er 1995 in der WELT sagen: „Wir werden bis zum Jahr 2000 den Anschluss (an die westdeutschen Städte) noch nicht geschafft haben, aber wir sind heute sicher, dass es klappt.“ Mit wachsender Wut hatte er beobachtet, dass sich Leipzig als „Boomtown Ost“ bezeichnete und jagte seine Leute los, um in Dresden die Baukräne zu zählen. Man kam auf über 200. Und auch bei den übrigen Wirtschaftsdaten lag Dresden meist vor Leipzig.

„Der größte Erfolg, den wir in meiner Amtszeit geschafft haben, ist der Aufbau Dresdens als Elektronikstandort“, sagt Wagner. „Gegen den Widerstand der Grünen haben wir den Bau des Siemenswerkes durchgesetzt, AMD und viele mittelständische Betriebe folgten oder profitierten davon.“

Dresden hat inzwischen den Anschluss an die westdeutschen Großstädte geschafft. „Duisburg haben wir schon überholt“, sagt Wagner stolz. Doch der Aufholprozess sei noch lange nicht abgeschlossen, und seine größte Sorge gelte deshalb der Wirtschaft. „Ihr dürfen keine Ketten angelegt werden“, warnt er, „sonst kann Dresden nicht wieder den Platz in Deutschland einnehmen, wofür wir das Potenzial haben. Die Menschen lassen sich auf Dauer in Dresden nur wegen der Arbeit nieder.“ Für alles, was sich die Stadt etwa an Kunst und Kultur leiste, gebe es keinen gedeckten Scheck.

Was er nach seiner Zeit als Oberbürgermeister machen wird, weiß Wagner noch nicht. Er sei offen für verschiedene Aufgaben in Politik und Wirtschaft. Aber entscheiden wolle er sich erst in zwei Monaten.

Morgen um 8.30 Uhr werde er seinem Nachfolger Roßberg das Amt und auch die Amtskette übergeben. „Danach werde ich aus dem Rathaus über den Altmarkt und den Neumarkt gehen und anschließend mit der Linie elf nach Hause fahren,“ sagt Wagner. „Ich will bewusst wahrnehmen, dass ein Lebensabschnitt zu Ende ist.“.

Sächsische Zeitung (Markus Lesch) 31. Juli 2001

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