Presseartikel zur OB-Wahl 2001

Roßberg im Amt – mit Migräne!

„Ich hätte heute nicht arbeiten sollen …“

Dresdens neuer OB ist im Amt. Um 8.30 Uhr kamen Ingolf Roßberg (FDP) und Herbert Wagner (CDU) aus dem Dienstzimmer. Unter vier Augen übergaben sie sich die Amtsgeschäfte. Bereits um 7.45 Uhr spazierte der Neue am Mittwoch vom Stadtmuseum ins Rathaus.

Unter dem Beifall der Bürger – aber mit heftigen Kopfschmerzen …

Wenn er nicht in die Kamera lächeln musste, verzog er sekundenlang sein Gesicht. Heftige Stiche in der Schläfe. Unser neuer OB hat Migräne! Roßberg: „Ich hätte heute gar nicht arbeiten sollen, ich habī kaum geschlafen. Der Kopf dröhnt.“ Doch am ersten Tag kann man nicht krank machen. Vor allem nicht in diesem Job. sz-online begleitete den „angeschlagenen“ Nachfolger Wagners ins Amt.

7.45 Uhr: Das erste Geschenk am Treffpunkt vor dem Stadtmuseum. Dr. Herrmann Krüger, ehemaliger Chef des Denkmalamts, überreicht Roßberg eine Sonnenblume. Dann folgen die Präsente Schlag auf Schlag. Ein Zigarillo von einem Mitstreiter. Roßberg steckt sich den Stummel lässig in den Mundwinkel. Trotz Schädel brummen, zündet er ihn an. Einmal ziehen, weiter. Regine Hempel überreicht ihm Pflanzen: Aloe Vera und Glücksbambus. Die Frau mit dem auffälligen Rotschopf gehört zur Bürgerinitiative „Roßberg kannīs!“. Hempel: „Die Pflanzen sollen ihm eine glückliche Hand, Energie und Gesundheit bringen.“ Wie im Hofstaat hat Roßberg schnell drei Präsent-Träger um sich geschart. Vor dem Rathaus muss der vierte eingreifen. Der künftige OB bekommt eine über zwei Meter hohe Grünpflanze und reicht sie gleich weiter. Denn jetzt ist zum wiederholten Mal Händeschütteln dran. Die Sozialdemokraten gratulieren.

8 Uhr: Einmarsch ins Rathaus. Von einem Pressetroß begleitet, steigt er die Treppen zum Amtszimmer hoch. Noch-OB Wagner wartet im Amtszimmer. Für Journalisten ist jetzt Schluss. Wagner öffnet Roßberg die Tür, schüttelt den Kopf, als Fotografen „sein“ Zimmer stürmen wollen. Wagner: „Halb neun im Saal wieder …“ Er macht diese Tür ein letztes Mal hinter sich zu.

Die Menge wartet. Rathausmitarbeiter, Dezernenten, Mitglieder der Parteien. Und schon beginnt das Geflüster. Werner Becker, während des Wahlkampfs Pressesprecher Roßbergs und Doris Schmidt-Krech vom Presseamt im Rathaus stecken die Köpfe zusammen: „Das konnte so nicht weitergehen. Das war Stillstand mit dem Alten. Und null Koordination hier im Haus. Wagner hat sich einfach treiben lassen. Ohne Konzept. Der war doch nie informiert.“ Beide nicken sich zu. So schnell ändern sich Meinungen …

Auch die beiden Protokollantinnen des Rathauses, die nur mal gucken wollten, haben schon Kritik: „Das hätte man alles etwas feierlicher und formeller gestalten können.“

Pünktlich um 8.30 Uhr ist es soweit. Roßberg und Wagner kommen aus dem Dienstzimmer. Wagner: „Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, meine Damen und Herren. 11 Jahre habe ich der Stadt Dresden gerne gedient, in Kunst und Kultur die Stadt gut voran gebracht. Das ist mein Vermächtnis. Ich bitte die Verwaltung, Herrn Roßberg gut zu beraten. Man muss das Wohlwollen des OB haben.“

Dann gibt Herbert Wagner die Amtskette von 1892 aus der Hand. Schmuck und Roßberg strahlen um die Wette. Roßberg: „Erst wenn ich am 9. August vereidigt werde, halte ich eine feierliche Rede. Dann sind die Verhältnisse geordnet. Ich verspreche nur: Das Wohl des Volkes ist oberstes Gesetz.“

Um kurz nach neun Uhr ist alles vorbei. Wagner eilt ins Vorzimmer, holt seine Aktentasche. Und: Kein Frust? „Nein, ich werde nicht aus dem Hinterhalt schießen, kein Buch schreiben oder aus der Ferne kritisieren. Wenn mein Rat gefragt ist, bin ich gerne bereit.“ Dann verläßt er das Rathaus. Vorne raus. Er steigt in seinen schwarzen Dienst-Mercedes. Das warīs. Nur einer steht im Rathausflur und macht ein trauriges Gesicht. Johannes (40), ein Dresdner Bürger mit einem bunten Blumenstrauß in der Hand: „Schade, schon weg. Ich wollte mich so gerne bei ihm für seine Amtszeit und seine Verdienste bedanken.“

9.15 Uhr: Der frische Wind ist bereits vor dem Rathaus zu spüren. Gärtnerinnen stutzen die Geranien vor Roßbergs Amtssitz …

Und was passiert am 1. Tag des Neuen noch? Bis mittags Beratungen mit Dezernenten, Amtsleitern und Leitern der Eigenbetriebe. Am Nachmittag dann Sitzung des Personalrats. Dann ist wieder die Öffentlichkeit dran. Von 17 bis 19 Uhr hat Roßberg Bürgersprechstunde für alle Dresdner. „Das wird künftig häufiger so sein. Mein Büro ist für Alle geöffnet.“

Von heute an berichtet sz-online täglich über die neuen Ideen oder die Altlasten, die es gilt, zu vernichten. „Roßbergs 100 Tage – Gutes und Schlechtes aus dem Rathaus“ Klicken Sie hier!

SZ-Online (M. Henninger und A. Schneider) 1. August 2001

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