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Presseartikel zur OB-Wahl 2001
Amtsübergabe: Roßberg ist jetzt Chef im Rathaus
Wagner reichte OB-Kette an Nachfolger weiter
Der dunkle Dienstmercedes mit DD-2000 auf dem Nummernschild wartete mit
offener Tür vor den Rathausstufen, wie so oft in den vergangenen
Jahren. Doch der Mann Anfang 50, der gestern Morgen mit einer Aktenmappe
unter dem Arm das Gebäude verließ, stieg nicht mehr ein. Herbert
Wagner, nun Ex-OB, wollte seinen letzten Weg vom Arbeitsplatz zu Fuß
und allein gehen. Allein über den Altmarkt, über den Neumarkt,
vorbei an der Frauenkirche, deren Einweihung er gerne als OB miterlebt
hätte. Doch wie er tags zuvor in seiner Abschiedsrede sagte: Es
sollte nicht sein.
Leise war er aus dem OB-Zimmer gegangen, während an seinem bisherigen
Schreibtisch Ingolf Roßberg breit über einem halben Dutzend
Fotografen entgegen grinste. Eine halbe Stunde vorher hatte Wagner seinen
Nachfolger erstmals als Herr Oberbürgermeister angeredet,
wünschte ihm eine glückliche Hand für seine Arbeit und
übergab die Amtskette.
Eine Warnung legte er dazu: Wenn man sie trägt, kann man sich
nicht mehr so frei bewegen wie vorher. Noch ließ Roßberg
die Kette in ihrer dunklen Schatulle. Laut Protokoll darf er sie als OB
erst tragen, wenn ihn der Stadtrat in seiner nächsten Sitzung am 9.
August vereidigt hat.
Auch der Schreibtisch aus Berghofers Zeiten, an dem Wagner seinen
Nachfolger im Blitzlicht zurücklässt, soll nicht im Rathaus
bleiben. Noch nicht einmal ordentlich Unterlagen können, man darauf
ausbreiten, meckerte Roßberg, schnell sollten ein Computer und ein
Internetzugang ins Zimmer. Abends wird dort bereits ein Hightech-Bildschirm
stehen.
Während Wagner über Neumarkt und Hauptstraße zum
Albertplatz gehen wollte, um von dort mit dem Bus heim nach Bühlau zu
fahren, saß Roßberg erstmals mit der Dezernentenrunde zusammen,
ließ sich über die wichtigsten Anliegen und Projekte
informieren, machte seine Standpunkte klar. Aus meiner Sicht war es
eine sehr kooperativ geleitete Sitzung, sagt Finanzbürgermeister
und CDU-Mann Hanspeter Stihl später.
Roßberg ist dann schon bei den nächsten Treffen: mit dem
Gesamtpersonalrat, mit den Amtsleitern und Chefs der städtischen
Gesellschaften und mit seiner Büromannschaft. Karl Geisselbrecht,
über Jahre als parteiloser Büroleiter der getreue Eckart Wagners
und jetzt in gleicher Funktion bei Roßberg, hat ihn am Morgen vor der
Amtsübergabe vor dem Rathaus empfangen.
Außer ihm steht nur eine Hand voll Verwaltungsleute vor dem Eingang,
als Roßberg in einer Gruppe von gut 50 Unterstützern aus
Parteien und der Bürgerinitiative OB für Dresden
ankommt. Auch in den Fenstern sind nur ein paar Gesichter zu sehen.
Friederike Beier, die OB-Kandidatin, die im zweiten Wahlgang Roßberg
unterstützte, ist fassungslos: Wieso denn bloß nicht mehr Leute
ihren neuen Chef sehen wollten?
Mit dem neuen Chef zog auch ein Stück Schwebebahnschiene ins
OB-Büro. Das sei tatsächlich Schrott aus Wuppertal, meinte
Roßberg und spielte auf eine Äußerung des
Ministerpräsidenten im Wahlkampf an. Die Stadt Wuppertal, für
knapp ein Jahr Roßbergs Heimat als Dezernent, hat ihm das
Schienenstück zum Abschied geschenkt, gestern kamen
Glückwünsche vom dortigen OB Hans Kremendahl zum Amtsantritt.
Geschenke gibt es in Mengen, viele noch am späten Nachmittag, als
Roßberg nach 17 Uhr seine Tür für alle öffnet, die ihn
besuchen wollen. Weit über hundert nutzen die Gelegenheit und stehen
Schlange an seinem Zimmer. Auch zukünftig soll jeder bei ihm
reinschauen können, wenn sonst keine Termine anstehen. Unter den
Mitbringseln war auch ein Rotstift von den Jusos abgebrochen, damit
er nicht mehr zum Streichen taugt.
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