Waldschlößchenbrücke – Presse-Artikel

Artikel aus: Sächsische Zeitung 18. März 2004

Ohne Aufenthalt

Sachsen hat für eine Weile seinen Glanz verborgt. Nach Amerika. Und dort, wen wundert’s, freut sich der Mensch. Kriegt man im Land der Pappteller doch nicht jeden Tag hauchfeine Porzellantässchen zu sehen. Oder Gewehre, die zu nichts anderem taugen, als prächtig zu glitzern.

Als ich am Sonntagabend nach Hause kam, erreichte mich der Anruf eines Freundes aus New York. „Yeah!“ rief er begeistert. „Es ist unglaublich!“ Er hatte das Wochenende in Jackson verbracht und sein Historikerherz klopfte noch immer vor Freude. Ich war gerade aus der Kulisse seiner vagen Vorstellungskraft zurückgekehrt, allerdings weniger euphorisch. So erzählte ich ihm ein bisschen vom grandiosen Vorhaben der Waldschlößchenbrücke. „Große Dinge“, subsummierte er weise, „werfen erst mal Schatten voraus. Ihr dürft nicht so ängstlich sein in eurer schönen Stadt. Stell dir das doch mal vor! Diese wunderbare große Brücke! Man kann durch Dresden fahren. Ohne auszusteigen! Das größte Freiluft-Barock-Museum der Welt! Eure Schätze müsst Ihr dann nicht mehr auf Reisen schicken, das ist ja auch gefährlich. Wie leicht kann etwas verloren gehen. Oder denk an das Porzellan, wie schnell da was zerbricht! Der Tourismus boomt, das verspreche ich dir und eure finanziellen Probleme lösen sich innerhalb weniger Jahre.“

Hilflos entgegne ich etwas von Kindergärten, vom Theater, den Elbwiesen und von Leuten die ja noch ganz gern in Dresden wohnen. „He, he, ein bissel mehr Kreativität, wenn ich bitten darf. Das habt ihr drauf, ihr Sachsen, dieses Jammern auf hohem Niveau. Sagt ja selbst euer Oberbürgermeister. Ich sag nur: Sozialverträgliches Umziehen ins Umland, ins Grüne, wenn du willst. Außerdem braucht ihr die Hochhäuser nicht mehr abzureißen, da ist fürs erste Platz genug. Und bedenke die Arbeitsplätze!“ Seine Stimme kippt ins Falsett. „All die arbeitslosen Historiker, Kellner, Straßenkehrer, Umzugsunternehmer, Billettverkäufer! Konjunktur! Veränderung!! Eine Stadt ohne Alltag, stell dir das doch mal vor!“ Ich versuche es und sehe fröhlich „Eis, kühle Getränke!“ rufende athletische junge Männer mit Bauchläden am Fürstenzug entlang hopsen. Nicht übel.

Im Zwingerhof große Gruppen schweigsamer Japaner beim Fotografieren. Ab und an eilt ein Angestellter zwischen den Gebäuden umher, erkennbar an einem Anstecker aus weißem Porzellan, mit der Aufschrift „Open-Air-Museum Dresden“.

Entzückend. Ein Großauftrag für die Porzellanmanufaktur, Aufschwung, Konjunktur!

Im Grünen Gewölbe schließlich die Amerikaner, voller Begeisterung „Wow!“ rufend.

Eine Stadt voller glücklicher Gesichter.

Und dann die Brücke selbst! Ein Jahrtausendbauwerk, der Inbegriff moderner Architektur. Ästhetik, klare Linien!

„Danke, Mark,“, hauche ich in den Hörer und buchstabiere ihm die Anschrift des Oberbürgermeisters.

Wie gut es ist, einen Freund mit Weitblick zu haben, denke ich dankbar. Während ich mich gerade damit beschäftigt hatte, den Unterschied zwischen Verwaltungs- und Vermögenshaushalt zu begreifen, Gedanken an den Graureiher verschwendete, den ich Jahr um Jahr mit einer an Albernheit grenzenden Sentimentalität am Elbufer begrüße, einem frei flottierenden Ökologieverständnis folgend, Aufrufe gegen den Brückenbau unterzeichnete, schwappt unerwartet die Lösung des Problems über den Großen Teich. Und so neu ist das Ganze ja auch nicht, denn bereits Goethe wusste, war es 1768?, auf einer Reise von Leipzig kommend, in sein Tagebuch zu notieren: „Ich entschied mich dafür, Dresden ohne Aufenthalt zu besuchen!“

Artikel aus: Sächsische Zeitung 18. März 2004

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